„Frau Wirtin, gebt mir noch ein Bier“ –

Die Funktion des Wirtshauses als Ort der Geselligkeit, des Trinkens, Wettens, Spielens, der Arbeitsvermittlung und als politischer Versammlungsraum war nicht zuletzt ein überwiegend männlicher Raum (Beneder 1997; Powers 1998; Salinger 2002; Tlusty 1997; Tlusty 2004, 145). Durch Trinkrituale, Schlägereien und dem Abschließen von Handelsgeschäften konnte der Mann des Mittelalters und der Frühen Neuzeit seine Position und soziale Stellung innerhalb der Gesellschaft finden und vertreten. Jedoch weisen schriftliche Belege wie Gerichtsakten, Erhebungen der Städte (Beneder 1997) sowie etliche Werke in der Kunsthistorie auf (Kümin 2007, Abb.20–21; Tlusty 2004; Schilz 2004, Abb. 4), dass Frauen im Wirtshaus ebenso vertreten waren. Artefakte aus verschiedenen archäologischen Ausgrabungen in ganz Mitteleuropa zeigen in dieselbe Richtung: Die Frau war ebenso in Wirtshäusern zu Gast – wenn auch wahrscheinlich nicht zum gleichen prozentualen Anteil. Die häufige populärgeschichtliche Darstellung des Wirtshauses als Ort, den mehr oder weniger alleine Männer aufsuchten, kann durch eindeutig weiblich konnotierte Funde zumindest in Frage gestellt werden.

Schriftliche Belege

Bei einer Erhebung aus dem Jahr 1588 vermerkte die Stadt Heidelberg im Gastgewerbe eine Anzahl von 21 Mägden, denen nur 16 Knechte entgegenstanden. In den Weinschenken der Stadt arbeiteten zu dieser Zeit drei Mägde, jedoch keine Knechte (Beneder 1997, 110). Frauen fanden sich demnach häufig unter den Angestellten.

Außerdem waren im 16. Jahrhundert Frauen in vielen deutschen Städten als eigenständige Gastwirtinnen und Branntweinverkäuferinnen tätig (Tlusty 2004, 148). Der alleinige Betrieb des Gasthausbetriebs lag oft darin begründet, dass die Wirtinnen verwitwet waren. Sowohl der Wirtsbetrieb als auch das Gewerbe des Bierbrauens wurden von den Frauen weitergeführt, um zu überleben. Eine beträchtliche Anzahl an Frauen im Gastgewerbe verzeichnete die Stadt Lübeck im Jahr 1628. Demnach wurden nach einer amtlichen Zählung 44% der Gastgewerbe in Lübeck von Frauen geleitet (Schwark 1993, 174). Jedoch wird Frauen im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert das Recht am Bierbrauen und dessen Verkauf immer häufiger verboten. Die Anzahl der Verhaftungen von Frauen, die einen Ausschank besitzen und wegen illegaler Betriebsführung angeklagt werden, steigt im 18. Jahrhundert massiv an (Tlusty 2004, 148).

Schneiderwirt (Bayern)
Schneiderwirt (Bayern)

Berichte von ausländischen Reisenden über die Gäste der deutschen Wirtshäuser beschreiben deutsche Damen als besonders nüchtern. Dahingegen werden die deutschen Herren in jenen Berichten als „über die Maßen betrunken“ (Tlusty 2004, 146) etikettiert. Dies wird durch Unterlagen der Stadt Augsburg untermauert. Danach stammen nur „weniger als 1% der während des 16. und 17. Jahrhunderts in Augsburg wegen Trunkenheit erhobenen Bußgeldsummen von Frauen“ (Tlusty 2004, 154).

Frauen stellen von Beginn der Wirtshausgeschichte bis in die heutige Zeit einen historischen Teil des Gesamtbildes.

Archäologisch ist die Frage nach dem Geschlecht und im Besonderen nach dem weiblichen Geschlecht innerhalb des Wirtshauses vor allem an Hand von gefundenen Realien zu ermitteln, welche für die Geschlechter spezifisch sind.

Bayern und seine Wirtshäuser

Die Münchener „Ratstrinkstube“ in Bayern ist ein Wirtshaus, welches 1428 erstmalig Erwähnung findet. Dort sind bei Ausgrabungen des Brunnens Funde erhalten geblieben, die zu einem sehr hohen Anteil weiblich konnotiert sind. So befanden sich in dem Brunnen mehrere Kämme, Nadeln, ein verzierter Spinnwirtel aus einer Blei-Zinn-Legierung, ein Fingerhut und weiblicher Schmuck (Hagn 1991; 1993; 1994). Die Funde geben einen eindeutigen Hinweis auf regen Zulauf durch Damen im Wirtshaus. Das Abstecken der Tracht und besonders das Anstecken und Befestigen der Kopfbedeckungen, welche Frauen trugen, wurde durch Nadeln bewerkstelligt (Elser 2011, 141–144). Neben der Münchner Ratstrinkstube treten auch Funde aus dem Wirtshaus in der Auergasse 10 in Regensburg, Bayern, in den Blickpunkt. Hier fand man bei Ausgrabungen 10 Stecknadeln (Codreanu-Windauer 1998).

Des Weiteren lassen Funde von einem verzierten Spinnwirtel und einem Fingerhut in München auf einen Gebrauch durch eine Frau schließen, da diese Nähutensilien fast ausschließlich von Damen genutzt wurden (Elser 2011, 144–145).

Hinweise auf ein reges weibliches Interesse am Gasthausleben geben weiterhin Schmuckstücke aus der Münchner „Ratstrinkstube.“ Die besonders ausdrucksstarken Metallfunde beinhalten einen „Anhänger aus Zinnlegierung, der ein Medaillon aus Kobaltglas einschließt, eine kleine Brosche aus Zinn in Form eines springenden Tiers mit dünner Goldauflage sowie ein aus Goldblech gefertigter, stark deformierter Ring“ (Hagn 1994, 52). Nicht zuletzt deuten kleine Bernsteinperlen und große Glasperlen als Bestandteile von Schmuck in jene gleiche Richtung.

Das „starke Geschlecht“

Neben eindeutig weiblich konnotierten Funden stehen auch besondere Funde des „starken Geschlechts“ in München im Mittelpunkt. Erhalten sind hier Funde von Spielwürfeln und Buchbeschlägen (Hagn 1991; 1993; 1994). Schriftliche Quellen verdeutlichen, dass Spiel und Wette ein rein männliches Privileg waren. So verweist jener Fund von 17 kleinen, Spielwürfeln aus Knochen aus dem Brunnen der Ratstrinkstube auf männliche Gäste mit Freude am Würfelspiel und einem möglichen Hang zur Wette. Neben der Freude am Spiel ist auch das Lesen ein Privileg, welchem Männer vordergründig nachgehen konnten. Der im 15. Jahrhundert in Europa aufkommende Buchdruck und die weitere Verbreitung von Büchern in den darauffolgenden Jahrzehnten lassen den Fund von Buchbeschlägen, welche verziert und teilweise mit floralem Dekor gestaltet sind, in München (Hagn 1994, 51) zu exklusiven Fundstücken reifen, die nicht nur auf anscheinenden Wohlstand, sondern auch auf ein vorerst männliches Phänomen schließen lassen.

Von Interesse ist weiterhin ein menschlicher Backenzahn aus dem rechten Oberkiefer eines Erwachsenen (Hagn 1994, 53). Der Nachweis des Verlusts eines Backenzahns innerhalb eines Wirtshauses ist bisher einzigartig und mutmaßlich mit einer Schlägerei in Verbindung zu bringen. Schlägereien in Gaststuben waren nicht selten und konnten die verschiedensten Anlässe haben. Etwa das Ringen um die Zuneigung einer Dame, Kräftemessen um einen persönlichen Status zu etablieren oder eine mögliche Auseinandersetzung aufgrund politischer, wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Themen. Das Wirtshaus war ein öffentlicher Raum, in dem ein verbales und körperliches Kräftemessen möglich und gelegentlich auch von Nöten war. Davon zeugen etliche überlieferte Kneipenschlägereien und Randalen (z. B. Plößl 2010, 48 und 51 Karte 3).

Ferner befinden sich unter den Glasfunden der „Ratstrinkstube“ zwei bemerkenswerte Stücke, welche auf männliche Besucher des Münchener Etablissements verweisen. Dies sind ein Sturzbecher mit dem Kopf einer jungen Frau mit lockigem Haar und das Unterteil eines Phallusglases. Während der Sturzbecher mit dem Abbild einer Frau eher subtil durch das Frohlocken der Weiblichkeit auf männliche Gäste wirken soll, fördert das Phallusglas ohne Frage das Aufbegehren der Herren gegenüber der Damenwelt. Wird das Phallussymbol in der Antike noch als Fruchtbarkeits- und Kraftsymbol interpretiert, steht es im Mittelalter wie heute für die sexuelle Lust des Mannes. Jene sexuelle Lust wurde nicht selten auch in den Wirtshäusern befriedigt. Denn weibliche Angestellte arbeiteten dort nicht nur als Bedienung oder Wirtin, sondern auch als leichte Damen. Sprach man bei einem Wirtshaus von „hemmungslosem Treiben“, ist hierbei der Vermerk zu erwähnen, dass es sich meist um käufliche Liebe handelte. Die Arbeit der Damen im Wirtshaus bestand eben auch aus der „Verschönerung des Aufenthalts“ für den Gast (Beneder 1997, 47). Von einer Pauschalisierung der Schankstube als Ort der Prostitution ist allerdings abzusehen.

Ferner wurden in der „Ratstrinkstube“ zu München Haarbüschel vom Gamsbock gefunden, die sich mit einem Gamsbart in Verbindung bringen lassen (Hagn 1994, 52). Der sogenannte Gamsbart wurde damals wie heute in Österreich und Altbayern als Hutschmuck einer männlichen Tracht getragen.

Höhlenwirtshaus "Weber an der Wand" (Bayern)
Höhlenwirtshaus „Weber an der Wand“ (Bayern)

Fazit

Abschließen lässt sich festhalten, dass bislang nur wenige geschlechtsspezifische Funde aus Wirtshäusern bekannt geworden sind. Das heißt nicht etwa, dass sie nicht zu erwarten wären. Zwar fanden in Mitteleuropa viele Wirtshausgrabungen statt. In der Regel wurde allerdings baubegleitend und unter Zeitdruck gearbeitet, wodurch viele für die Fragestellung relevante Kleinfunde unentdeckt bleiben (kein Einsatz von Feinsieben, Metalldetektoren etc.). Auch liegen über die Ergebnisse meist nur Vorberichte vor. Nähere, die Geschlechterverhältnisse betreffende Kontexte lassen sich so, ohne das Wissen um nähere Befundzusammenhänge und ohne bearbeitetes Fundmaterial, oft nur schwer bis gar nicht erschließen. Dennoch zeigt das Beispiel der Ratstrinkstube zu München in Kombination mit Schrift- und Bildquellen, dass Frauen in mittelterlichen und frühneuzeitlichen Gaststuben wahrscheinlich häufiger anzutreffen waren, als allgemeinhin angenommen.

Chancen auf bessere archäologische Einblicke in die Geschlechterverhältnisse im Wirtshaus bietet insbesondere die Kostümforschung und damit eine intensivere Auseinandersetzung mit körper- und geschlechtsbetonten Kleidungsbestandteilen, die im Wirtshauskontext verloren gingen (vgl. Ditmar-Trauth 1999; Pietsch 2010; Scott 2007).

Publiziert:
C. Schubert, Wirtin, gebt mir noch ein Bier! – Rollenverteilung von Mann und Frau im Wirtshaus.  IN: D. Wehner / A. Wesse, Rasthäuser – Gasthäuser – Geschäftshäuser. Zur Historischen Archäologie von Wirtshäusern. Reihe Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie. Band 271. 2015, 135.

Literaturverzeichnis

Beneder 1997: B. Beneder, Männerort Gasthaus? Öffentlichkeit als sexualisierter Raum. Politik Geschlechterverhältnisse 9 (Frankfurt/New York 1997).

Codreanu-Windauer 1998: S. Codreanu-Windauer, Devotionalienhandel im Wirtshaus. Arch. Deutschland 1998, 2, 41.

Ditmar-Trauth 2006: G. Ditmar-Trauth, Stichwort „Gast“. In: G. Ditmar-Trauth, Alltag und Sachkultur des Mittelalters in Bildquellen von 800 bis zum Anfang des 14. Jh. (o. O. [ca. 2006]) 74–75.

Hagn 1994: H. Hagn, Münchner Funde – die Ratstrinkstube im späten 16. Jahrhundert. In: U. Zischka/H. Ottomeyer/S. Bäumler (Hrsg.), Die anständige Lust. Von Esskultur und Tafelsitten [Kat. Ausstellung München 1993] (München 1994²) 48–65.

Hagn/Veit 1991: H. Hagn/P. Veit, Ein umfangreicher Keramik- und Glasfund des späten 16. Jahrhunderts unter dem neuen Rathaus in München. Arch. Jahr Bayern 1991, 181–185.

Kümin 2007: B. Kümin, Drinking Matters. Public Houses and Social Exchange in Early Modern Central Europe (Basingstoke 2007).

Plößl 2010: E. Plößl, Vivat, das Bier kostet 6 Kreuzer – Der Augsburger Bierkrawall 1846. In: M. Fieder (Hrsg.), Flüssiges Brot. Bier, Brauereien und Wirtshäuser in Schwaben [Kat. Ausstellung Oberschönenfeld 2010]. Schriftenr. Mus. Bez. Schwaben 43 (Oberschönenfeld 2010) 48–59.

Powers 1998: M. Powers, Faces along the Bar. Lore and Order in the Workingman´s Saloon, 1870–1920 (Chicago 1998).

Salinger 2002: Sh. V. Salinger, Taverns and Drinking in Early America (Baltimore/London 2002).

Schilz 2004: A. Schilz, Frühe Gastlichkeit in Worten und Fakten. In: H. May/A. Schilz (Hrsg.), Gasthäuser. Geschichte und Kultur. Arbeit u. Leben Land 9 (Petersberg 2004) 13–26.

Tlusty 1997: B. A. Tlusty, Gender and Alcohol Use in Early Modern Augsburg. In: J. S. Blocker/C. K. Warsh (Hrsg.), The Changing Face of Drink. Substance, Imagery, and Behaviour (Ottawa 1997) 21–42.

Tlusty 2004: B. A. Tlusty, Hier kehrt frau ein. Frauen im Gasthaus 1500–1800. In: H. May/A. Schilz (Hrsg.), Gasthäuser. Geschichte und Kultur. Arbeit u. Leben Land 9 (Petersberg 2004) 145–154.

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