Écomusée – Ein Museumstyp stirbt aus

Die Geschichte des Écomusée

In den 1960er und 1970er Jahren entstand das Konzept des Écomusée von Georges Henri Riviere in Frankreich. 1971 erfanden der Museumsexperte Hugues de Varine und der Berater des französischen Umweltministers, Robert Poujade das Wort  Écomusée. Es gab zwar bisher noch kein Museum, dass das Konzept vertrat, doch  man wollte  die ländlichen Regionen Frankreichs und ihre Kultur aufzuwerten und richtete daraufhin Naturparks ein. Man plante Museen in diese Parks zu bauen, in denen die ländliche Architektur hervorgehoben werden sollte.

 

 

 

Der Name Écomusée trägt die Vorsilbe „éco“ von dem französischen Wort „Écologie“ und steht im Deutschen für Ökologie.

Aus heutiger Sicht kann man das „éco“ aber durchaus sowie als Ökologie als auch Ökonomie verstehen, denn ein  Écomusée soll sowohl die Natur und natürliche Umwelt des Menschen darstellen, als auch den späteren  industriellen Aspekt aufweisen. Das Besondere am Écomusée ist, dass es den deutschen Freilichtmuseen ähnelt, aber nicht wie in Freilichtmuseen die Häuser am vormaligen Standort abgebaut und im Museum wieder aufgebaut werden, sondern dass ein bereits bestehendes Dorf zu einem Museum wird.

 

Ein Écomusée, soll als Schule, Forschungslabor und als Ort der Bewahrung zugleich wirken (Gorgus 2001, 282)

Erst durch die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung wird ein Dorf zum Écomusée. Diese besondere Art von Museum hat nicht nur Besucher, sondern auch Bewohner. So ist die dort wohnende Bevölkerung ein Teil des Museum und sie ist auch Teil der musealen Inszinierung.

In einem Écomusée werden vier Kategorien von Anschauungsobjekten ausgestellt. Die Natur mit ihren bestimmten Landschaftsformen, Tiere und Pflanzen, Baudenkmäler und  ‚bewegliche Objekte wie Mobiliar‘ (Gorgus 2001, 282).  Die Natur steht in diesem Museumstyp im Vordergrund. Und selbst die Tiere werde nicht für das Museum angeschafft und es werden keine alte Rassen gezüchtet, sondern man unterstützt die hiesigen Viehzüchter.

 

Was gibt es zu sehen?

Ein Écomusée ist meistens sehr weitläufig und beinhalten viele verschieden Wohn- und Arbeitsbereiche. So gibt es zum Beispiel Töpferein, Schmieden, Bäcker und Wassermühlen. Um auch als Besucher in diese Arbeitsbereiche hineinblicken zu können, veranstaltet das Museum Vorführungen in den Häusern. So kann man zum Beispiel beim Brot backen oder beim Melken zusehen und auch helfen.

Auf diese Art des ‚Vorlebens‘ können die Ausstellungsobjekte in ihrer Ganzheit der Umgebung dargestellt und wahrgenommen werden. Treffender als Nina Gorgus kann man die Art von Museum nicht beschreiben: „Das Écomusée konstruiert nicht neu, sondern geht verloren gegangenen Spuren nach, bezieht bereits Vorhandenes mit ein.“ (Gorgus 2001, 288)

 

 

In Frankreich gibt es heute noch 52 Museen (Laut der französischen Wikipedia-Seite).

In Deutschland gibt es nur ein Museum, dass sich „Écomusée“ nennt und das französische Konzept verfolgt. Leider hat sich, abgesehen von diesen beiden Ländern, das Konzept nicht weiter verbreitet.

 

 

 

 

Das Écomusée in Haldensleben – Hundisburg

In Deutschland gibt es nur ein Écomusée und das ist das in Haldensleben – Hundisburg bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt.

Dieses Dorf besteht zum Beispiel aus dem Schloss, der Ziegelei, dem Kloster, dem Templerhaus, der Schlossimkerei, mehreren Kirchen, dem Pfarrhaus und der Synagoge.

Das Schloss

Die um 1140 erbaute Hunoldesburg wurde seit dem Jahre 1452 immer weiter von einer Burg zu einem Schloss umgestaltet. Heute ist es ein prächtiges Schloss mit großem Schloßgarten. Im Schloss befindet sich heute das „Haus des Waldes“, das ein Informations- und Kommunikationszentrum des Landesforstbetriebes Sachsen-Anhalts ist. Es bietet waldpädagogische Führungen an und zeigt gelegentlich auch Sonderausstellungen. Ebenso gibt es im Schloss eine dauerhafte Kunstausstellung.

Ziegelei

Die Ziegelei wurde 1882 gegründet und fertigte damals in fast ausschließlicher Handarbeit Ziegel im Ringofen an. Zwanzig Jahre später ging man zur Maschinenarbeit über und arbeitete bis zur Stilllegung 1990 so weiter. Heute trägt die Ziegelei sein Anteil an dem  Écomusée bei, indem es eine Werkstatt gibt, in der der Besucher die Möglichkeit hat, kreativ mit Ton zu arbeiten oder eine Fahrt mit der historischen Feldbahn zu machen.

Imkerei

Die Schlossimkerei inmitten des grünen Landschaftsparks ist heute eine lebendige Informations- und Beratungsstelle für Imker.

Nachdem die Bodenreform 1945 das Rittergut Hundisburg nicht aufteilte, wurden die Obstkulturen zu einem Schwerpunkt des Gutes. 1956 entstand außerdem die heutige Imkerei.

Kloster

Das Kloster Althaldensleben wurde 1228 vom damaligen Erzbischof Albrecht von Magdeburg gegründet. Es fungiert als Zisterzienderkloster und wurde erst 1810 aufgelöst. Kurz darauf übernimmt ein Industriepionier das Klostergut und gründet dort eine Keramikindustrie.

Das Templerhaus ist das älteste erhaltene Fachwerkhaus der Stadt und ist im Jahre 1553 errichtet worden. Reste eines Vorgängerbaues aus dem 13. Jahrhundert haben sich auf dem Hof erhalten. In dem Haus haben vom 14 Jahrhundert an sowohl geistliche als auch weltliche Herren gewohnt.

 

Kirchen

Die Kirchen des Dorfes wurden zwischen 1218 und 1831 erbaut. Die Mauern der Basilika, St. Marienkirche, von 1414 sind zum großen Teil noch erhalten. Abgesehen von einigen kleinen Veränderungen an der Innenausstattung stammt alles aus dem 17. bis 19. Jahrhundert. Alle vier Kirchen sind aber in guten Zustand und können natürlich von den heutigen Besuchern angsehen werden.

In Haldensleben gab es zwei Pfarrhäuser. Dort wo heute noch das Fachwerkhaus steht, stand ursprünglich das Ordenshaus der Augustinermönche Magdeburgs. Die Mönche ließen sich 1523 durch Martin Luthers Lehre reformieren und gaben das Haus an den Rat der Stadt ab. Dieser, gerade auch frisch reformiert, gründete eine zweite Pfarrstelle im alten Ordenshaus. 1661 wurde das Haus nach einem Großbrand wieder neu erbaut und blieb so bis heute erhalten.

Synagoge

Die Synagoge ist ein 1822 entstandener Fachwerkbau mit Spitzbogenfenstern und gotisch-christlichen Formen. 1907 wurde der Sakralbau von der inzwischen mitgliederschwachen jüdischen Gemeinde verkauft und in der Folgezeit von der Neuapostolischen Kirchengemeinde Haldensleben genutzt. Seit 2002 wird die einstige Synagoge zu einem „Haus der anderen Nachbarn“ umgestaltet. Es soll ein Museum werden, dass sich allen Bevölkerungsgruppen anderer Herkunft und Religion widmet, die neben den alteingesessenen Haldenslebern lebten und leben. Dabei bildet die Synagoge und die Kirche nicht nur die bäuliche Hülle, sondern sie sind auch das wichtigste Ausstellungsstück (Hauer 2004, 2).

 

 

 

Quellen:

Gorgus, Nina (2001)
Natur im Museum. Das Konzept Écomusée auf dem Prüfstand. In: Brednich, Rolf Wilhelm; Schneider, Annette; Werner, Ute (Hg.): Natur – Kultur. Volkskundliche   Perspektiven auf Mensch und Umwelt ; 32. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Halle vom 27.9. bis 1.10.1999. Münster: Waxmann, S. 281–289.

 

Hauer, Ulrich
Von der Synagoge zum „Haus der Nachbarn“.
http://www.ecomusee.de/pdf/synagoge.pdf  (18.06.2009)

 

Informationen zum deutschen Écomusée
http://www.ecomusee.de/

 

Korff, Gottfried (2007)
Die „Ecomusées“ in Frankreich – eine neue Art, die Alltagsgeschichte einzuholen   (1982). In: Korff, Gottfried (Hg.): Museumsdinge. Deponieren – exponieren. 2. Aufl. Köln: Böhlau, S. 75–84.

 

Wikipedia

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